18. September 2026 · 🔭 Astronomie 🖥️ Technologie
Der Beobachtungsplaner: 13.600 Objekte, eine Sternkarte und die Frage, ob man das wirklich selbst bauen kann
Nach dem Astro-Wetter hat es mich gereizt. Das Wetter-Tool beantwortet die Frage ob die Nacht etwas wird. Die zweite Hälfte fehlte: was mache ich dann damit? Welche Objekte stehen hoch genug, wann kulminieren sie, wo stört der Mond, und was passiert in dieser Nacht sonst noch am Himmel?
Solche Programme gibt es. Aber die Frage, die mich wirklich gepackt hat, war eine andere: Schaffe ich ein Planungswerkzeug, das nicht nur hübsch aussieht, sondern genau ist? Mit einer interaktiven Sternkarte, mit richtigen Katalogen statt einer Handvoll bekannter Namen, und mit Zahlen, die einer Prüfung gegen die Profis standhalten. Ohne Bibliotheken, ohne Server, alles im Browser.
Die Antwort ist ja – und ehrlicherweise: ja, mit Claude. Dazu unten mehr, denn genau daran hängt die interessanteste Lektion dieses Projekts.
Was dabei herausgekommen ist
Der Beobachtungsplaner nimmt Ort und Nacht und rechnet daraus alles Weitere – im Browser, ohne Konto, ohne Server. Er zeigt den Mond mit Phase und mondfreier Dunkelheit, eine Sternkarte für jeden Moment der Nacht, eine Rangliste der besten Objekte, die Sichtbarkeit der Planeten und die Ereignisse der Nacht.
Die Karte ist kein Bild, sondern eine Rechnung: Sterne werden von Epoche 2000 mit ihrer Eigenbewegung in die Nacht bewegt, präzediert, um Nutation und jährliche Aberration korrigiert und zum Schluss um die atmosphärische Refraktion angehoben – damit sie im selben Bezugssystem stehen wie der Mond, der daneben gezeichnet wird.
Hineinzoomen, bis das Foto kommt
Zoomt man auf 45° Bildbreite oder enger, legt die Karte echte Himmelsfotos unter die Sterne: eine Durchmusterung des Digitized Sky Survey, wahlweise Pan-STARRS oder 2MASS, gekachelt und aus dem Katalogsystem in die Nacht gerechnet.
Die Objektkarte ist die Stelle, an der die Planung tatsächlich stattfindet. Höchster Stand 02:30 in 80°, 8,5 Stunden nutzbare Dunkelheit über 30°, davon 5,5 mondfrei, dazu Größe, Helligkeit, Sternbild, die anderen Katalognummern und der Link zum Wikipedia-Artikel. Ein zweiter Reiter zeigt dieselbe Bewertung über Wochen und Monate – für die Frage, ob dieses Objekt jetzt dran ist oder in sechs Wochen besser steht.
Die besten Objekte der Nacht – und wofür „beste“ gilt
Eine Rangliste braucht ein Maß, und ein ehrliches Maß braucht einen Zweck. Deshalb gibt es zwei Modi. Für das Auge zählen Helligkeit, Flächenhelligkeit, Höhe und Mond. Für Fotos ist die Bewertung auf mein eigenes Rig zugeschnitten: 1,69° Bildfeld, 2″ pro Pixel, Schmalbandfilter. Ein Objekt von 2 Bogenminuten ist dort knapp sechzig Pixel breit und wird abgewertet; ein Emissionsnebel stört sich bei Mond weniger als eine Galaxie, weil das 4,5-nm-Filter davor sitzt.
Das ist keine allgemeingültige Rangliste, und es steht auch so über der Tabelle. Ein anderes Teleskop hätte eine andere Reihenfolge – nur wäre eine Rangliste ohne Rig eine Rangliste ohne Bedeutung.
Was in dieser Nacht sonst passiert
Das ist der Teil, der am meisten Rechnung und am wenigsten Anzeige ist: Überflüge von ISS, Tiangong und Hubble aus Bahnelementen mit dem SGP4-Modell, Sternbedeckungen durch den Mond, Verfinsterungen und Durchgänge der Jupitermonde, Meteorströme mit einer geschätzten Rate, Kometen, enge Begegnungen von Mond und Planeten, Transits der Raumstation vor Sonne und Mond, die Höhe des Milchstraßenzentrums – und Sonnen- und Mondfinsternisse für die nächsten Jahre, mit lokaler Sichtbarkeit.
Die Kataloge: 13.600 Objekte, jedes mit Bild und Artikel
Angefangen hatte es mit 168 von Hand gepflegten Objekten. Das reicht für einen Abend, aber nicht für die Frage „was ist eigentlich dieses NGC 7380 dort?“. Heute stecken darin:
- OpenNGC von Mattia Verga unter CC BY-SA 4.0: jedes Messier-, NGC- und IC-Objekt, gut 10.700 Galaxien und dazu die Haufen, Nebel und Sternobjekte – auch die zehn Einträge, die es gar nicht gibt, damit die Suche das sagen kann statt zu schweigen.
- Der Sharpless-Katalog der HII-Regionen von 1959 über VizieR, mit Positionen und Namen aus SIMBAD.
- Die Caldwell-Liste aus der englischen Wikipedia, als Querverweis auf die Objekte, die es ohnehin gibt.
- Sterne bis 6,0 mag mit allen IAU-Eigennamen und Bayer-Buchstaben, dazu eine Binärdatei bis 8,0 mag, die erst geladen wird, wenn man weit genug hineinzoomt; Eigenbewegungen und Parallaxen aus der Hipparcos-Neureduktion.
- Doppelsterne aus dem Washington Double Star Catalog, gefiltert auf das, was im Amateurteleskop wirklich zu trennen ist.
Zwei Dinge daran waren mehr Arbeit als die Sternkarte. Erstens: jede Zeile hat ein Bild und einen Wikipedia-Link. Die Bilder sind 13.600 selbst geschnittene Ausschnitte aus dem Digitized Sky Survey – selbst gehostet, nicht verlinkt, damit beim Blättern durch die Liste nicht die IP-Adresse jedes Besuchers bei einem fremden Server landet. Die Artikel kommen aus einem Abgleich mit der Wikipedia-API; wo es keinen Artikel gibt, zeigt der Link auf die Suche.
Zweitens: dasselbe Objekt heißt überall anders. M42 ist NGC 1976 ist Sh2-281. C 30 ist NGC 7331. Die Karte zeigt diese Querverweise, und die Suche findet das Objekt unter jedem seiner Namen – auch ausgeschrieben, auch mit führenden Nullen, auch als „Großer Bär“ getippt ohne Umlaut. Dass M102 in einem Katalog auf M101 zeigt und in Wirklichkeit NGC 5866 ist, hat mich einen Abend gekostet.
Und jetzt der ehrliche Teil: ja, das ging mit Claude
Ich hätte das nicht in dieser Zeit allein geschrieben. SGP4 aus der Literatur, Meeus’ Mondtheorie mit ihren 60 Termen, die HEALPix-Kachelung der Himmelsfotos, die rigorose Präzession – das ist Stoff, bei dem man als Hobbyprogrammierer entweder eine Bibliothek nimmt oder ein halbes Jahr investiert. Mit Claude als Werkzeug ist daraus eine Sache von Abenden geworden.
Nur: Code, der plausibel aussieht, ist in der Astronomie besonders gefährlich. Eine Formel mit einem Vorzeichenfehler liefert keine Fehlermeldung, sondern einen Mond, der 30 Bogensekunden danebensteht – und das sieht auf einer Sternkarte völlig richtig aus. Genau diese Fehler gab es reichlich:
- Die ersten sechs Mondterme statt der vollen Reihe: bis zu 0,37° daneben.
- Eine Näherungsformel für die Präzession, die am Himmelspol durch einen Tangens teilt und die Kachel eines Himmelsfotos tausende Pixel weit wegwirft – als heller Streifen quer über die Karte.
- Ein falsches Vorzeichen bei Jupiters Monden, das die vorderen hinter dem Planeten versteckte.
- Eine geozentrische Sonne bei der Finsternisrechnung: 8,8 Bogensekunden Parallaxe, und schon lag Madrid in der Totalität, wo es tatsächlich knapp draußen liegt.
Gefunden habe ich die nicht durch Hinsehen, sondern durch Nachrechnen gegen Stellen, die es wissen müssen. Daraus ist das eigentliche Herzstück des Projekts geworden: ein Prüfskript mit inzwischen 120 Tests, das ohne Browser läuft und bei jeder Änderung über alles geht.
| Geprüft gegen | Ergebnis |
|---|---|
| US Naval Observatory (Höhe und Azimut an vier Orten, beide Hemisphären) | Sterne auf 0,03°, Planeten und Mond auf 0,08°, Sonne auf 0,01° |
| JPL Horizons (Uranus und Neptun über 20 Jahre, Jupitermonde, Saturnringe, Mondlibration) | Positionen auf 0,034°, Jupitermonde auf 2,5″ |
| NASA und EclipseWise (14 Mondfinsternisse 2025–2030) | Kontaktzeiten auf 0,9 Minuten |
| RASC Observer’s Handbook (Sternbedeckung von Regulus an drei Orten) | auf 12 Sekunden |
| Die SGP4-Testfälle der Veröffentlichung von Vallado | unter einem Millimeter Abweichung |
Jede dieser Zeilen war einmal ein Fehler. Und das ist die Lektion, die ich aus dem Projekt mitnehme: Die KI hat mir das Schreiben abgenommen, nicht das Verantworten. Der Gewinn liegt nicht darin, dass etwas schnell entsteht – sondern darin, dass die gewonnene Zeit in Prüfungen fließt, für die vorher nie welche da war.
Was die Seite dabei über dich verrät
Fast nichts, und das war eine Entwurfsentscheidung. Sonne, Mond, Planeten, Kometen, Satelliten, die ganze Sternkarte – alles rechnet dein Browser. Es gibt keinen Server, der weiß, wohin du schaust, keine Anmeldung und keine gespeicherten Einstellungen: Ort, Nacht und sogar der Blickwinkel der Karte stehen in der Adresszeile, ein Link auf eine Nacht ist also einfach dieser Link.
Eine einzige Ausnahme gibt es, und sie ist angeschrieben: Die Himmelsfotos kommen vom Centre de Données astronomiques de Strasbourg und werden erst geholt, wenn man in die Karte hineinzoomt. Unter der Karte steht, wer das ist, und ein Häkchen schaltet es ab. Anders als beim Astro-Wetter gibt es hier kein Passwort für eigene Koordinaten – es wird ja keine fremde API angefragt, also darf jeder jeden Ort der Welt eintragen.
Eine Folge der Bildrechte sei auch erwähnt: Die Aufnahmen des Digitized Sky Survey sind für nicht-kommerzielle Nutzung frei. Deshalb tragen die Planer-Seiten keine Werbung und keinen Spenden-Knopf, während andere Seiten dieser Website einen haben.
Fazit
Aus „lohnt sich die Nacht?“ ist „und was mache ich damit?“ geworden, und beides läuft jetzt im Browser, ohne Konto und ohne fremde Rechenzentren. Der Planer ist nicht fertig – er wächst mit jeder Frage, die ich mir vor einer Nacht stelle. Zuletzt kam die Kennzahl dazu, die mich am meisten interessiert: wie viele nutzbare Dunkelstunden ein Objekt über 30° hat, und wie viele davon ohne Mond.
Und die Ausgangsfrage? Ob man so etwas als Einzelner wirklich genau hinbekommt: Ja – wenn man bereit ist, jede Zahl gegen jemanden zu prüfen, der es besser weiß. Genau das ist der Teil, den einem keine KI abnimmt.
🔭 Zum Tool: Beobachtungsplaner → · Die andere Hälfte: Astro-Wetter und woher seine Daten kommen → · Das Rig, für das die Fotobewertung gemacht ist: Starfront in Texas →