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5. August 2026  ·  🔭 Astronomie

Eine Falcon-9-Oberstufe schlägt auf dem Mond ein – und ich filme ein Nichts

Heute Morgen um 08:35 Uhr MESZ ist eine ausgediente Oberstufe einer SpaceX Falcon 9 auf dem Mond eingeschlagen. Ich habe das mit meinem Rig in Texas live aufgezeichnet – aus dem Ferienhaus in Dänemark, mit einem Kaffee in der Hand. Die erwachsenen Kinder lagen noch im Bett, meine Frau war beim Walken, Frühstück gab es erst um elf. Bessere Voraussetzungen für eine Fernbeobachtung in Texas gibt es kaum.

Das Ergebnis vorweg: Man sieht nichts. Immerhin habe ich mich dabei in SharpCap eingearbeitet.

Der Tipp kam aus Hannover

Auf dem Schirm hatte ich das Ereignis überhaupt nicht. Robert, ein Sternfreund von der Volkssternwarte Hannover, hat mich vor ein paar Tagen darauf hingewiesen – mit dem Zusatz, dass ausgerechnet ich es beobachten könnte: In Deutschland fiel der Einschlag auf den hellen Vormittag, in Texas dagegen auf 01:35 Uhr nachts. Von hier aus war also nichts zu machen, von Texas aus schon.

Angenehmer Nebeneffekt: kein Wecker, kein Aufbau im Dunkeln. Auch am Vortag konnte ich ausgeschlafen und bei Kaffee üben, während über Texas längst der Sternhimmel stand – und üben musste ich.

Was da eingeschlagen ist

Das Objekt hat keinen Namen, nur die Katalognummer 2025-010D. Es ist die Oberstufe der Falcon 9, die im Januar 2025 die Mondlander Blue Ghost und Hakuto-R auf den Weg gebracht hat, und trieb seither in einer weiten Erdumlaufbahn – 26 Tage pro Umlauf, 220.000 bis 510.000 km Entfernung. Diese Bahn kreuzt die des Mondes. Meist ist der eine woanders, wenn der andere durch den Schnittpunkt fliegt. Heute nicht.

Die Eckdaten:

Vorhergesagt hat das Bill Gray von Project Pluto, aus 1.053 Beobachtungen von Asteroiden-Surveys und Amateuren. In Mondentfernung versagt nämlich das Radar des Militärs – das Echo ist um den Faktor 25 Milliarden schwächer als bei erdnahen Objekten. Solche Bahnen kennt nur, wer optisch beobachtet, also mit Teleskopen wie meinem.

Die größte Unsicherheit ist dabei nicht die Gravitation, sondern das Sonnenlicht: Der Strahlungsdruck schiebt das taumelnde Blechteil über Monate hinweg messbar zur Seite.

Warum man nichts sieht

Bill Gray war von Anfang an vorsichtig, und ich hatte es gelesen. Trotzdem wollte ich es versuchen.

Der Grund für die Skepsis ist die Geschwindigkeit. Bei natürlichen Meteoriteneinschlägen auf dem Mond sieht man regelmäßig Lichtblitze – die kommen aber mit 10 bis 70 km/s an. Unsere Oberstufe war mit 2,43 km/s vergleichsweise gemächlich unterwegs, und je langsamer der Einschlag, desto kleiner der Anteil der Energie, der als sichtbares Licht freigesetzt wird. Der Rest steckt in Wärme und darin, Mondgestein beiseitezuschaufeln.

Die zweite Hoffnung war die Staubfahne. Der Einschlagpunkt liegt fast exakt auf dem Mondrand, im Sonnenlicht – Material, das hoch genug geschleudert wird, könnte sich vom Rand abheben und vor dem schwarzen Hintergrund sichtbar werden. Grays eigene Überschlagsrechnung: Bei etwa 100 m/s Auswurfgeschwindigkeit steigt ein Brocken eine Minute lang und erreicht drei Kilometer Höhe. Aus Erdentfernung sind drei Kilometer am Mondrand aber gerade einmal 1,5 Bogensekunden – bei meinem Abbildungsmaßstab von 2,03 ″/px also weniger als ein Pixel.

Es gibt einen Präzedenzfall: 2009 hat die NASA mit LCROSS absichtlich eine Raketenstufe auf den Mond geschossen, sorgfältig terminiert und mit Großteleskopen beobachtet. Gesehen wurde nichts.

Der eigentliche Grund, warum ich das gemacht habe

Ich hätte mir das alles auch sparen können. Dass ich es nicht getan habe, hat einen Nebeneffekt, der mir mehr bringt als jede Staubfahne: Ich musste mich in SharpCap einarbeiten.

Bisher läuft bei mir alles über N.I.N.A. – Sequenzen, Autofokus, Filterrad, Meridianflip. Das Rig habe ich erst vor Kurzem übernommen und bin noch mitten in der Einarbeitung; eine Software war da erst einmal genug. Für Deep-Sky ist N.I.N.A. ohnehin genau richtig. Für Mond und Planeten ist es das nicht, und zwar aus einem grundsätzlichen Grund: N.I.N.A. ist eine Sequenz-Steuerung für lange Einzelbelichtungen. Was hier gebraucht wird, ist Lucky Imaging – Tausende sehr kurze Aufnahmen in schneller Folge, aus denen später die wenigen schärfsten herausgesucht und gestapelt werden. Genau darauf ist N.I.N.A. nicht ausgelegt: kein Video-Modus, keine hohen Bildraten, keine SER-Aufzeichnung.

SharpCap ist dafür gebaut. Und wie das so ist, wenn man ein neues Werkzeug zum ersten Mal in der Hand hat: Ein ganzer Vormittag ging fürs Ausprobieren drauf.

Mein Setting

Nach reichlich Herumprobieren – und einigem Hin und Her mit Claude AI, meinem Sparringspartner – bin ich bei dieser Konfiguration gelandet:

Einstellung Wert
KameraAres-M Pro (IMX533, mono)
FilterRot
ROI / Crop1504 × 1504
BittiefeMono16
FormatSER
Analogue Gain176
Offset35
Belichtungszeit25,0 ms
Bildrate38,15 fps
Timestamp Framesan

Die Überlegungen dahinter:

Crop auf 1504 × 1504. Der IMX533 hat 3008 × 3008 Pixel – das volle Feld ist für den Mondrand sinnlos und kostet nur Bildrate. Ein Viertel der Fläche reicht und ist immer noch reichlich.

Rotfilter. Zwei Gründe. Langwelliges Licht wird von der Atmosphäre weniger verwackelt, das Seeing wirkt im Roten spürbar ruhiger. Und die atmosphärische Dispersion – das Auseinanderziehen des Bildes in ein winziges Spektrum – fällt in einem schmalen Band weg. Bei Mond und Planeten ist ein Rotfilter der Standardgriff, kein Kompromiss.

25 ms. Kurz genug, um das Seeing halbwegs einzufrieren, lang genug für ein sauberes Signal. Rechnerisch wären damit 40 fps drin; real werden 38,15 daraus, der Rest geht für Auslesen und Übertragung drauf.

SER statt AVI. SER ist ein unkomprimiertes Rohformat, das speziell für die Astronomie entstanden ist. Es kann 16 Bit, kennt keine Codec-Artefakte und schreibt zu jedem Einzelbild einen Zeitstempel – für ein Ereignis, das auf die Sekunde vorhergesagt ist, nicht ganz unwichtig.

Screenshot von SharpCap: links der Mond formatfüllend in der Live-Ansicht, rechts die Kamera- und Hardware-Steuerung
SharpCap mit meinem Profil „SR-Moon“: links die Live-Ansicht, rechts Kamera, Montierung, Fokussierer und Filterrad in einer Spalte. Auch das ist ein Unterschied zu N.I.N.A. – man sitzt direkt am Bild, nicht an einer Sequenz.

Und was das an Daten bedeutet

1504 × 1504 Pixel × 2 Byte ergeben 4,52 MB pro Einzelbild, bei 38,15 Bildern pro Sekunde also 173 MB/s oder 10,4 GB pro Minute. Das ist der Preis von Mono16 ohne Kompression – und der Grund, warum man bei Lucky Imaging genau überlegt, wann man auf Aufnahme drückt.

Am Ende lagen drei SER-Dateien auf der Platte, benannt nach ihrer Startzeit in Texas:

Datei Start Dauer Frames Größe
01_34_45.ser01:34:4510,1 min23.068104,4 GB
01_45_39.ser01:45:395,1 min11.57852,4 GB
01_51_34.ser01:51:345,0 min11.45151,8 GB
Summe20,1 min46.097208,5 GB

Die Aufteilung war Absicht: Der Einschlag war für 01:35:37 Uhr vorhergesagt, die erste Aufnahme startet 52 Sekunden davor und läuft neun Minuten darüber hinaus. Genau das rät Gray – nicht kurz nach dem Termin abschalten, denn eine Staubfahne braucht Zeit, um sich vom Mondrand abzuheben. Die beiden Fünf-Minuten-Clips setzen das fort.

Gut 200 Gigabyte für zwanzig Minuten. Das Herunterladen aus Texas dauert länger als die Aufnahme – und ich überlege noch, ob ich sie nicht einfach gleich lösche. Passiert ist ja nichts.

Und dann: nichts

Auf dem Laptop lief SharpCap, auf dem Handy daneben der YouTube-Livestream von Starfront Observatories – also der Sternwarte, auf der auch mein eigenes Rig steht. Countdown, Host-Cam, dazu eine Fischaugenkamera übers Teleskopfeld.

Der Starfront-Livestream auf dem Handy: der Mond formatfüllend, daneben Host-Cam und Scope-Cam, unten ein Countdown
Knapp eine Stunde vor dem Einschlag. Rechts die Scope Cam über das Feld in Rockwood – irgendwo dort hinten steht auch mein Rig.

Kein Blitz, keine Fahne, kein Punkt, der vorher nicht da war. Genau das, was Gray vorhergesagt hatte, und genau das, was bei LCROSS schon herausgekommen war.

Das gehört dazu. Ein negatives Ergebnis ist ein Ergebnis, und bei einem Ereignis, dessen Sichtbarkeit von vornherein als unwahrscheinlich galt, ist es sogar das erwartete. Enttäuschend ist es trotzdem – ein bisschen hatte ich schon gehofft.

Bilder vom Krater wird es übrigens geben, nur später und nicht von mir: Der Lunar Reconnaissance Orbiter hat schon 2022 die Doppelkrater der chinesischen Chang'e-5-T1-Oberstufe fotografiert, und Gray rechnet fest damit, dass die LRO-Leute auch diesmal gezielt an die vorhergesagte Stelle schauen werden.

Was bleibt

Ein Video ohne Ereignis – und ein Werkzeug, das ich jetzt bedienen kann. SharpCap läuft, das Setting steht, die Datenmengen kenne ich. Damit ist der Weg frei für das, was ich mit diesem Rig bisher gar nicht angefasst habe: Mond und Planeten. Für Deep-Sky bleibt N.I.N.A. mit seinen Sequenzen; für alles, was viele Bilder pro Sekunde braucht, gibt es jetzt eine zweite Software auf dem Rechner.

Bleibt der Dank nach Hannover an Robert. Ohne seinen Hinweis hätte ich von der Sache nichts mitbekommen – und hätte weiter vor mir hergeschoben, mich mit SharpCap zu beschäftigen.

Und ganz nebenbei war es ein guter Anlass, sich klarzumachen, was da eigentlich passiert: 4,9 Tonnen Blech, seit anderthalb Jahren führerlos zwischen Erde und Mond unterwegs, treffen einen Punkt, der Monate im Voraus auf wenige Kilometer genau berechnet wurde – von einem Einzelnen, mit Beobachtungsdaten von fünf Sternwarten und einer Handvoll Amateure. Das ist beeindruckender als jede Staubfahne.

Quellen

Bill Gray, Project Pluto: Upper stage impacting the moon on 2026 August 5
Project Pluto: Beobachtungsdaten und Bahnbestimmung zu 2025-010D
Fernando, Heldmann, Gray u. a.: Observational planning for the 2026 August 5 Falcon 9 Upper Stage lunar impact (arXiv:2607.14625, Juli 2026)

🔭 Das Rig dazu: Mein Rig @ Starfront in Texas  ·  Warum ein Pixel hier die Grenze ist: Über- und Untersampling →  ·  Die Kamera dahinter: Vom Photon zur Zahl →