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29. Juli 2026  ·  🔭 Astronomie

Mono-Kamera, Filterrad und meine Filter – welches Licht ich einsammle

Meine Astrokamera ist monochrom – sie sieht keine Farben, nur Helligkeit. Klingt nach einem Nachteil, ist aber eine bewusste Abwägung: Ein Farbsensor hat vor jedem Pixel ein winziges Farbkästchen fest verbaut und muss die Farbe aus den Nachbarpixeln zusammenrechnen. Mein Mono-Sensor bekommt das volle Licht auf jedes Pixel – schärfer und empfindlicher – und ich entscheide selbst, welcher Ausschnitt des Lichts durchkommt, indem ich einen Filter davor drehe.

Der Preis dafür ist real: mehr Ausrüstung, für jede Farbe eine eigene Belichtungsserie, insgesamt deutlich mehr Zeit pro Bild. Für mich lohnt sich der Tausch – vor allem, weil erst so das Schmalband möglich wird. Dazwischen sitzt ein Filterrad mit acht Plätzen, das meine Aufnahmesoftware N.I.N.A. (Nighttime Imaging 'N' Astronomy) automatisch weiterschaltet. Wie der Sensor selbst arbeitet, steht im Kamera-Artikel – hier geht es um die Filter davor.

Der Trick dahinter: Ich nehme dasselbe Objekt mehrfach auf, jedes Mal durch einen anderen Filter, und setze die Bilder am Rechner wieder zusammen. Welche Filter ich habe, was sie durchlassen und wofür sie taugen – darum geht es hier.

Ein kurzer Ausflug ins Licht

Licht ist eine Welle, und ihre Wellenlänge (gemessen in Nanometer, nm) bestimmt die Farbe. Unser Auge sieht nur einen schmalen Streifen davon – von etwa 380 nm (Violett) bis 700 nm (Tiefrot). Darunter liegt das Ultraviolett, darüber das Infrarot; beides sehen wir nicht, ein Kamerasensor aber teilweise schon.

Spektrum von UV über das sichtbare Licht bis ins nahe Infrarot, mit den Emissionslinien OIII 501 nm, Hα 656 nm und SII 672 nm
Der ganze Bereich, den der Sensor sehen kann – und die drei schmalen Linien, auf die es beim Schmalband ankommt.

Für die Astrofotografie kommt es darauf an, wie ein Objekt sein Licht über die Wellenlängen verteilt – und da gibt es zwei Muster:

Genau nach diesen zwei Prinzipien sind meine Filter aufgeteilt.

Meine Filter im Überblick

Im Filterrad stecken sieben Filter (der achte Platz bleibt frei), in zwei Familien:

Alle sind 1,25″, gleich dick (2 mm Glas) und damit parfokal – theoretisch müsste ich beim Filterwechsel also gar nicht neu fokussieren, sondern nur einen kleinen Filter-Offset anwenden. Nur habe ich diese Offsets bisher nicht ausgemessen. Deshalb läuft bei mir bei jedem Filterwechsel ein voller Autofokus: kostet Zeit, sitzt dafür verlässlich.

Die Breitband-Filter: LRGB

Damit fange ich das natürliche Licht ein – für alles, was über den ganzen Bereich leuchtet: Galaxien, Sternhaufen, Reflexionsnebel, Sterne.

Durchlassbereiche der Breitbandfilter L, R, G und B über dem sichtbaren Spektrum, mit der geblockten Natriumlinie bei 589 nm
L deckt das ganze sichtbare Licht ab, R, G und B je einen Abschnitt – die Lücke bei 589 nm hält Natrium-Streulicht draußen.

Antlia gibt für die Breitbandfilter nur Transmissionskurven an, keine exakten Grenzen – die Werte hier sind daraus abgelesen.

Aus L + R + G + B wird ein LRGB-Bild: L liefert die Schärfe, RGB die Farbe.

Die Schmalband-Filter: SHO

Diese drei fangen nur die Emissionslinien von Gasnebeln ein – jeweils nur 4,5 nm breit. Weil sie fast alles andere blocken, auch Mondlicht und das Streulicht der Stadt, funktionieren sie noch dann, wenn Breitband längst absäuft.

Die drei Schmalband-Linien OIII 501 nm, Hα 656 nm und SII 672 nm als schmale Balken vor dem sichtbaren Spektrum
Drei Nadelstiche im Spektrum: Was nicht auf der Linie liegt, kommt gar nicht erst durch.

Für welche Objekte welcher Filter?

Filter Fängt ein Ideal für Beispiele
Lganzes sichtbares LichtSchärfe- und Detaillayer für alles Breitbandigejede Galaxie, jeder Sternhaufen
R G BFarbe (rot / grün / blau)echte FarbenGalaxien, Kugel- und offene Sternhaufen, Reflexionsnebel, Kometen
Wasserstoff, 656 nmEmissionsnebel, Spiralarm-Regionen, Supernova-ResteNordamerika-, Herz-, Rosetten-, Adlernebel (M16)
OIIISauerstoff, 501 nmplanetarische Nebel, Supernova-Reste, blaugrüne NebelteileCirrus- (Veil), Ring- (M57), Hantelnebel (M27)
SIISchwefel, 672 nmEmissionsnebel, vor allem für die Farbpalettedieselben H-II-Regionen wie Hα, nur schwächer

Und Mond, Planeten, Kometen? Die leuchten im reflektierten Sonnenlicht, also breitbandig – dafür nimmt man L/RGB (Mond: L für die Schärfe, RGB für die dezente Farbe). Schmalband bringt hier nichts, es würde nur Licht wegwerfen, weil es keine schmalen Emissionslinien gibt. Für Planeten ist mein kurzbrennweitiges Weitfeld-Rig ohnehin nicht gebaut – die werden dort winzig.

Die stärksten Kombinationen

LRGBechte Farbe

LRGB

L trägt die Schärfe, R, G und B die Farbe. Für Galaxien, Sternhaufen, Reflexionsnebel und sternreiche Felder – braucht einen dunklen Himmel.

SHO „Hubble-Palette“Falschfarbe

SII → RHα → GOIII → B

Der goldtürkise Look der berühmten Hubble-Bilder. Ideal für Emissionsnebel – und funktioniert auch bei Mond und Stadthimmel.

HOOFalschfarbe, nah dran

Hα → ROIII → G + B

Nur zwei Filter, drei Kanäle. Ein „echterer“ Look für Objekte mit viel Hα und OIII, wenn SII schwach ist.

HαRGBechte Farbe + Schmalband

L R G BHα → R+

Ein LRGB-Bild, in dessen Rotkanal zusätzlich Hα eingemischt wird. Holt zarte Nebelschleier heraus, ohne die natürlichen Sternfarben zu verlieren.

Ein konkreter Fall: SH2-129 in HOO

Wie so eine Zuordnung wirklich aussieht, zeigt am besten ein eigenes Bild. SH2-129 – der „Fliegende Fledermaus“-Nebel mit dem Squid-Nebel OU4 mittendrin – habe ich in HOO aufgenommen, also mit nur zwei Filtern:

Schema der HOO-Zuordnung: Hα geht in den Rot-Kanal, OIII gleichzeitig in den Grün- und den Blau-Kanal, woraus Türkis entsteht
Zwei Aufnahmen, drei Kanäle: Das OIII-Bild wird doppelt verwendet – einmal als Grün, einmal als Blau. Zusammen ergibt das Türkis.
SH2-129 in HOO-Falschfarbe: rote Wasserstoffschwaden umschließen den türkisfarbenen Squid-Nebel OU4
Das fertige Ergebnis: Rot ist reines Hα, Türkis reines OIII – der Squid-Nebel OU4 in der Bildmitte leuchtet praktisch nur in Sauerstoff. Die Daten habe ich mit meinem Rig gesammelt; die Bildbearbeitung aus den Rohdaten hat Andreas Linnemann übernommen, ein Sternfreund aus der Volkssternwarte Hannover – ein wahrer Meister der Bildbearbeitung mit PixInsight, von dem ich noch viel lernen möchte.

Dass hier überhaupt etwas Türkises zu sehen ist, war die eigentliche Arbeit. OU4 ist eines der schwächsten OIII-Objekte am Himmel – entsprechend ungleich ist die Belichtungszeit verteilt:

Tabelle der Aufnahmedaten: HA 21 Aufnahmen, 1 h 41 min; OIII 56 Aufnahmen, 4 h 40 min, jeweils 300 s bei Gain 125 und minus 10 Grad
21 Subs Hα gegen 56 Subs OIII – fast dreimal so viel Zeit für den schwächeren Kanal.

21 Aufnahmen à 300 s in Hα (1 h 41 min) und 56 à 300 s in OIII (4 h 40 min), alle bei Gain 125 und −10 °C Sensortemperatur – zusammen gut sechseinhalb Stunden für ein einziges Bild, gesammelt in zwei Vollmondnächten. Genau deshalb ist ein Schmalband-Bild selten in einer Nacht erledigt – und genau dafür sind die 4,5 nm da: In LRGB wäre bei diesem Mond nichts zu holen gewesen.

Eine Lücke gehört zur Ehrlichkeit dazu: Für dieses Bild haben wir weder Darks noch Flats verwendet – ich habe schlicht noch keine aufgenommen. Die Hotpixel fängt zum großen Teil das Dithering ab, und der IMX533 ist beim Dunkelstrom ohnehin genügsam. Schwerer wiegen die fehlenden Flats: Vignettierung und Staubschatten muss dann die Bearbeitung auffangen. Beides steht auf meiner Liste.

Faustregel: Breitband will dunklen Himmel – Galaxien und Sternhaufen. Schmalband trotzt Mond und Stadt – Gasnebel. Deshalb plane ich Breitband-Ziele in die mondlosen Nächte und hebe mir die Nebel für die hellen auf.

Der eigentliche Kostenfaktor ist dabei die Zeit: In LRGB bekommt die Luminanz den Löwenanteil, Farbe braucht weniger. Schmalband dagegen frisst deutlich mehr – durch die schmalen 4,5 nm kommt so wenig Licht durch, dass pro Kanal schnell Stunden zusammenkommen.

Kurz zum Hersteller: Antlia

Antlia ist ein auf Astronomie spezialisierter Filterhersteller aus Asien, groß geworden mit der CMOS-Welle. Preislich sitzt die Marke im oberen Mittelfeld – deutlich unter den Premium-Namen Chroma und Astrodon (oft zwei- bis dreimal so teuer), aber klar über der Einsteigerware. Die Qualität ist in der Breite sehr gut: enge, sauber eingehaltene Bandbreiten, hohe Transmission, kräftiges OIII. Nicht ganz so konsistent wie die Premium-Marken, und bei hellen Sternen können – vor allem im OIII – Halos auftreten.

Meine Schmalband-Filter sind Antlias 4,5-nm-Edge-Reihe, die günstigere Linie unter den 3-nm-Pro-Filtern – dafür für schnelle Öffnungsverhältnisse (bis etwa f/3) gerechnet, was zu meinem System passt. Ausgesucht habe ich Antlia ohnehin nicht: Die Filter kamen mit dem gebraucht gekauften System einfach mit – und waren, wie sich zeigt, eine vernünftige Wahl.

Warum sich der Aufwand lohnt

Ein Farbfoto in einem Klick wäre einfacher. Aber genau die Umständlichkeit ist der Reiz: Weil ich das Licht in einzelne Sorten zerlege und wieder zusammensetze, entscheide ich, wie das Bild am Ende aussieht – natürliche Farbe oder goldtürkise Hubble-Palette, zarte Galaxienarme oder glühender Wasserstoff.

SH2-129 von weiter oben ist dafür das perfekte Beispiel: Der Squid-Nebel OU4 leuchtet fast ausschließlich in OIII – und zwar so schwach, dass er in einem gewöhnlichen RGB-Bild überhaupt nicht vorkommt. Erst der 4,5-nm-Sauerstofffilter trennt sein Licht vom Rest des Himmels und macht ihn sichtbar. Dass die roten Wasserstoffschwaden drumherum aus einer völlig anderen Belichtungsserie stammen, sieht man dem fertigen Bild nicht mehr an. Das ist der ganze Sinn dieses Filterrads: Ich sammle nicht einfach Licht ein, ich wähle es aus.

🔭 Das Rig dazu: Mein Rig @ Starfront in Texas  ·  Was hinter dem Filter passiert: Vom Photon zur Zahl →  ·  Warum jeder Filter neu fokussiert wird: Autofokus in N.I.N.A. →